Interview der Woche: "Mit 40 Jahren habe ich endlich meine Heimat gefunden"

 

Wer sind die Menschen, die in der Handwerkstatt Guter Hirte arbeiten? Warum sind sie hier und was treibt sie an? Im Interview der Woche sprechen wir heute mit Simon Schäfer (40). Er wohnt seit 2019 im Außenwohnbereich des Guten Hirten und restauriert in der Handwerkstatt alte Möbel.

Simon, Du bist gelernter Journalist und hast bei der Financial Times Deutschland ein Volontariat gemacht. Warum gerade eine Wirtschaftszeitung?

Ich habe schon in der Schule gerne geschrieben. Deswegen habe ich während meines Studiums in Passau eine Journalistenausbildung gemacht. Später bin ich dann zu den Jesuiten gegangen, einem katholischen Orden. Als ich gemerkt habe, dass dieses Leben nichts für mich ist, habe ich mich wieder aufs Schreiben besonnen. Für die Financial Times Deutschland habe ich in Frankfurt über die Börse berichtet. Das war eine interessante Zeit. Zwei Wochen vor meinem Start ist in den USA die Bank Lehman Brothers Pleite gegangen.

Warum bist Du jetzt im Haus vom Guten Hirten und wie gefällt es Dir hier?

Meine Schwestern haben beide einen Doktortitel, Karriere und Familie. Ich dagegen bin mit meinen eigenen Lebensplänen total gescheitert. Bei den Jesuiten wollte ich nicht bleiben. Die Zeitung hat mich nicht übernommen. Irgendwann war ich pleite und habe ein halbes Jahr lang obdachlos auf der Straße in Münster gelebt. Ebenso lange war ich Patient in einer Psychiatrie. Dass ich zum Schluss im Haus vom Guten Hirten gelandet bin, ist ein großes Glück.

 

Ein Ort, an dem alles am richtigen Platz ist

 Was ist das Besondere hier?

Früher habe ich mich von meinen Noten, meinem Abischnitt von 1,1, und der Meinung anderer abhängig gemacht. Als psychisch kranker Mann in einer Behinderteneinrichtung hatte plötzlich niemand mehr Erwartungen an mich - ich selbst auch nicht mehr. Das war eine Befreiung für mich. Hier habe ich die Ruhe und die Zeit, ein Gespür dafür zu entwickeln, was ich wirklich selber will. Das ist das Beste, was mir passieren konnte.

Was hast Du in der Handwerkstatt über Dich gelernt?

Wenn ich mit der Schleifmaschine alten Lack abtrage, kommt es vor, dass ich mich wie früher selbst antreibe und es besonders gut machen will. In solchen Momenten verkantet die Maschine und mein Möbelstück bekommt eine Macke. Früher hätte ich mich dann abgewertet und – sozusagen als Strafe - verbissen weitergearbeitet. Bis ich mich gar nicht mehr spürte und glaubte, nur noch aus Fehlern zu bestehen. Mit diesem Selbstbestrafungsmuster habe ich mir und meinem Leben viele Wunden zugefügt. Zum Glück verfalle ich nur noch sehr selten und nicht mehr so brachial in dieses Schema. Ich habe gelernt, mich mit meinen Fehlern zu lieben.

 

Schleifen mit dem Dremel: Der alte Lack kommt ab

Was machst Du in Deiner Freizeit?

Ich fotografiere gerne. Das habe ich schon als Jugendlicher getan. Damals hatte ich eine analoge Spiegelreflexkamera. Heute fotografiere ich mit dem Handy und bearbeite meine Bilder am Computer in schwarz-weiß. Die Fotos auf diesem Blog sind alle von mir. Bis auf das Portrait über diesem Interview. Das ist von meinem Chef, Thorsten Stüwe. Er hat mich erst zum Lachen gebracht und dann abgedrückt. Wie ein Profi. Besser hätte ich es nicht machen können.

Du spielst Cello und Klavier. Inwiefern ist Dir das wichtig?

Ich habe gerade ein Cover von dem Song „Chicago“ aufgenommen. Ich mag dieses Lied, denn ich kann mitfühlen, wie sich die Frau in dem Stück fühlt. So verlassen und heimatlos wie sie war auch ich lange Jahre. Und in all der Zeit habe ich immer von ‚Chicago‘ geträumt, einem Ort, an dem ich endlich frei sein kann. Jetzt, nach 40 Jahren, habe ich diesen Ort endlich in mir selbst gefunden. Das Stück ist ursprünglich von Clueso. Er hat es 2011 in der Halle Münsterland bei einem Konzert gespielt, wo ich es zum ersten Mal gehört habe. Ein guter Freund von mir, Stefan Ebert, war damals Keyboarder in der Vorband. Er spielt in meiner Version die Gitarre. Der Gesang, der Bass und die Celli sind von mir.

 


Du betreust diesen Blog hier. Du schreibst die Texte und machst die Fotos, teilweise in Deiner Freizeit abends. Warum?

Der Gute Hirte hat gute Öffentlichkeitsarbeit verdient, weil er gute Arbeit macht und Menschen wie mir in brenzligen Lebensphasen Halt gibt. Zugleich ist der Blog auch Werbung und Training für mich. 2022 möchte ich auf eigenen Beinen stehen und eine Tischlerlehre machen. Den Link zu diesem Interview packe ich zu meinen Bewerbungsunterlagen. Dann sieht mein Chef in spe gleich, aus welchem Holz ich geschnitzt bin.


Kommentare

  1. Lieber Simon,
    für mich bist Du ein Riese (mit ener wunderbaren Stimme). Du bist ein Mutmacher und Hoffnungsträger. Diesem Beitrag wünsche ich zehntausend Klicks und viele Kommentare/Statements. Denn "Fallen" ist erlaubt. "Scheitern" kann hilfreich sein. Ich wünsche Dir, dass Du achtsam bleibst und es mit der Schreiner-Lehrstelle klappt. Viel Erfolg, mein Lieber, leo

    AntwortenLöschen
  2. Ein wunderbares tolles und authentisches Interview, man fühlt das Du bei dir angekommen bist,
    du bist ein toller Mensch Simon.


    Spannend finde ich deine Aussage das Du dich von deinem Notenschnitt und den Aussagen anderer abhängig gemacht hast. Ich glaube das geht durch die sozialen Medien heut vielen Menschen so.
    Das Ziel muss es sein keine Erwartungen von anderen zu versprüen und aber auch keine Erwartungen an sich selbst zu haben. Dann lässt es sich befreit Leben und da bist du vielen Menschen und auch mir weit voraus.

    AntwortenLöschen
  3. Sehr berührt diesen Text zu lesen. Ich spüre viel Demut in deinem Text. Ich erkenne nicht, wo du gescheitert bist.
    Ich erkenne Verletzlichkeit und diese zu zeigen ist in meinem Urteil das beste Mittel um gegen Scham resilient zu werden. Am Ende ist der “innere Kritiker”, der sich selbst verurteilt nur eine weitere Kraft in Dir, die zu nutzen uns oft nicht gelingt. Da hilft in meinem Urteil immer eine Gemeinschaft von anderen, die deine Erfahrungen teilen oder offen sind sie sich anzuhören.
    Ich wünsche Dir viel Erfolg auf deinem mutigen Weg!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

      Löschen
    2. Danke, dass Du Deine Gedanken mit mir und den Mitlesern hier teilst. Klingt ganz so, als würdest Du Dich auskennen - mit Resilienz, inneren Kritikern und dem Rest. All the best, Simon

      Löschen
  4. Mensch Simon,
    ich sehe einen Mann mit so vielen Talenten. Ein König in seinem Leben. Es ist mir eine Ehre, dich zu kennen. Du bist ein toller Typ. Mein Vater hatte eine Schreinerei, ein wunderbarer Beruf und Holz ist ein so schönes, geschmeidiges Material. Ich glaube, du machst viel richtig und wünsche dir, dass es weiterhin gelingt, dein Leben.
    Viele Grüße aus Schorndorf
    Michael

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Michael, herzliche Grüße nach Schorndorf aus dem schönen Münster! Freut mich, von Dir zu lesen.

      Löschen
  5. Lieber Simon, wir kommen mit nichts und genauso gehen wir. Du durftest schon viel Bewusstsein in dein Leben bringen und das merkt man auch in deiner ganzen Wahrnehmung. Ich sehe deine Stärke, deine Verletzlichkeit, deinen Mut und deine Zuversicht. Wünsche dir alles gute für dein weiteres Leben.

    Viele Grüße aus Stuttgart
    Markus

    AntwortenLöschen
  6. Ganz schön, dein Text, das verbreite ich gerne weiter. Ist so ein Beispiel, wo klar wird, wie Erwartungen in der Seele wirken können. Wie zart, wie kraftvoll es werden kann, wenn man dem Leben begegnet und sich bewusst löst von dem, was die eigene Geschichte an Vorstellungen aufgebaut hat. Danke dir!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sorry, das ging zu schnell weg. Daniel Wolff, aus Karlsruhe, wollte ich noch dazusagen. ;)

      Löschen
    2. Danke, Daniel. Danke auch fürs Weitersagen. Gruß, Simon

      Löschen
  7. Hallo Simon! Der Blog in Deiner Einrichtung sagt mir sehr zu. Jeder, der eine psychische Erkrankung durch Jahre hindurch selbst erlebt hat, kann verstehen wie wichtig sie ist!! Ich bin sicher, dass Du anhand Deiner Biographie mit der Deiner Familie im realen Leben angekommen bist und das Beste daraus machen wirst. Beste Grüße, Nicki aus dem Münsterland

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wir alle können das Beste aus uns machen. Das klappt, Nicki, da bin ich von überzeugt. Gruß, Simon

      Löschen
  8. Hi Simon, starkes Interview! Und die wahre Stärke ist man selbst zu sein - oder besser es immer mehr zu werden. Viel Erfolg mit der Schreinerlehre - Holz ist ein toller, lebendiger Werkstoff. Du hast so viel auf dem Kasten. Ich bin froh, dass wir ein Stück Weg zusammengegangen sind und uns kennengelernt haben. Gruß aus Zambia Claus

    AntwortenLöschen
  9. Hey Simon, meine Mutter hat mir den Artikel deines Interviews in der WN zurückgelegt. Die Parallelen zwischen uns sind groß, ich lebe derzeit auch von Erspartem. Das, was du geschafft hast, muss mir erst noch gelingen, eine Heimat finden in dieser Welt. Es macht mir Mut, dass dies tatsächlich gelingen kann, dass man sogar einen Teil seines eigenen inneren Wirbelsturms zu beruhigen vermag. Und dass man aus einer lange anhaltenden Krise herauskommen kann. Also scheint meine ja auch lösbar zu sein. Liebe Grüße David aus MS

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo David, mir hat der Kontakt zu anderen Männern geholfen, die wie ich auf dem Weg sind und die nicht alle Antworten schon fertig haben: Männer von MKP Deutschland. Auf der Homepage unseres Vereins, unter dem Stichwort "Integrationsgruppen", findest Du auch eine Männer-Gruppe aus Münster. Alles Weitere kläre mit unserem lokalen Chef, Martin Perk, ab. Gruß, Simon

      Löschen
  10. Hallo Simon, ich habe auch durch den Artikel aus der WN von dir und deiner Lebensgeschichte erfahren. Ich habe mich auch jahrelang von der vermeintlichen Meinung anderer abhängig gemacht und kaum bis gar nicht auf mich selbst, auf meine Bedürfnisse gehört. Erst mit Hilfe von Coaches und Menschen mit gleichen bzw. ähnlichen Problemen lerne ich seit einem Jahr, besser damit umzugehen und sanfter zu mir selbst zu sein. Wie bei dir kommt es aber natürlich auch bei mir vor, dass ich in alte Verhaltensweisen zurückfalle und zuviel von mir erwarte und mich niedermache, wenn ich diese nicht erfüllen kann oder mal "egoistisch" bin und auf meine Bedürfnisse höre. Ich denke, du stimmst mir zu, wenn ich sage, dass damit umgehen zu lernen seine Zeit dauert, vielleicht auch ein ganzes Leben.
    Deswegen kann ich deine Geschichte in diesem Aspekt sehr gut nachvollziehen und freue mich, dass du in der Handwerkstatt deine Heimat und deinen Frieden gefunden hast. Und ich finde es super, dass du du deine Erfahrungen hier und z.B. auch in dem WN-Artikel teilst. Damit hilfst du Leuten, die wie du und ich mit den gleichen "inneren Dämonen" zu kämpfen haben, und sensibilisierst andere dafür. Das ist das Beste, was man machen kann.

    Viele Grüße und bleib gesund, Raphael

    AntwortenLöschen

Kommentar posten

Beliebte Posts aus diesem Blog

Unsere Nachbarn: Afrikanische Zwergziegen

Kolumne: Es gibt auch Liebe